Vereinbarkeit ist selten eine Zeitfrage – und oft eine Rollenfrage

Die aktuelle Teilzeitdebatte kreist um Stunden, Produktivität und Verfügbarkeit.
Um die Frage, wer wie viel arbeitet – und welche Arbeitszeitmodelle sich eine Volkswirtschaft „leisten“ kann.

Was dabei auffällt:
Vereinbarkeit wird häufig als Zeitproblem verhandelt.
Und erstaunlich selten als Rollenfrage.

Dabei entstehen Teilzeit, Arbeitszeitreduktionen oder Unterbrechungen nicht isoliert, sondern systemisch.
Sie sind eingebettet in gesellschaftliche Erwartungen darüber, wer Sorgearbeit übernimmt, wer verfügbar sein muss und wessen Zeit als flexibel gilt.

Diese Ansicht ist nicht neu

Arbeitsmarktforschung beschreibt seit Jahren stabile Muster:
Der Arbeitsmarkt ist geschlechtlich segregiert, unbezahlte Sorgearbeit ist ungleich verteilt, und diese Verteilung prägt Erwerbsverläufe, Einkommen und soziale Absicherung.

Im Gespräch des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu Segregation, Ungleichheit und Sorgearbeit wird dieser Zusammenhang erneut deutlich herausgearbeitet. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, übernehmen den größeren Anteil unbezahlter Sorgearbeit und bewegen sich überproportional in bestimmten Branchen und Tätigkeitsfeldern.

Aysel Yollu-Tok weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Sorgearbeit ökonomisch weitgehend unsichtbar bleibt – mit langfristigen Folgen für Einkommen, Karriereverläufe und Altersabsicherung.

Diese Zusammenhänge sind gut dokumentiert.
Neu ist nicht der Befund – sondern der Kontext, in dem er aktuell wieder verhandelt wird.

Teilzeit als Symptom – nicht als Ursache

In der gegenwärtigen Debatte wird Teilzeit zunehmend problematisiert: als Produktivitätshemmnis,
als Risiko für den Fachkräftemangel, als Ausdruck individueller Präferenzen.

Was dabei leicht aus dem Blick gerät: Solange der Gender-Care-Gap besteht, ist Teilzeit keine neutrale Wahl. Sie ist die praktische Antwort auf ein strukturelles Ungleichgewicht.

Teilzeit entsteht dort, wo Sorgearbeit übernommen werden muss – und dort, wo diese Sorgearbeit weiterhin überwiegend Frauen zugeschrieben wird.

Die eigentliche Frage sollte deshalb nicht lauten: Wie viele Stunden werden gearbeitet?

Sondern:
Welche Rollen werden vorausgesetzt?
Welche Verantwortlichkeiten gelten als selbstverständlich?
Und wessen Arbeitszeit gilt als verhandelbar – und wessen nicht?

Der blinde Fleck der Debatte

Viele Vereinbarkeitsdebatten greifen zu kurz, weil sie auf individuelle Lösungen setzen: bessere Organisation, effizientere Zeitnutzung, flexiblere Modelle.

All das kann entlasten. Aber es löst nicht das zugrunde liegende Problem. Denn Vereinbarkeit ist keine Frage individueller Optimierung, sondern eine Frage struktureller Rollenzuweisung.

Solange Sorgearbeit ungleich verteilt bleibt, solange Verfügbarkeit normativ an Vollzeit gekoppelt ist, solange Erwerbsarbeit und Care-Arbeit unterschiedlich bewertet werden, wird Teilzeit immer wieder dort landen, wo sie heute ist.

Nicht als freie Entscheidung. Sondern als strukturelle Anpassung.

Nicht die Stunden sind das Problem. Sondern die Rollen, in denen diese Stunden verhandelt werden.

Wer schreibt hier?

Ich bin Julia Lenders – Coach für Frauen in beruflichen und persönlichen Umbruchphasen. In meiner Arbeit verbinde ich Klarheit, Selbstführung und eine feministische Perspektive auf Vereinbarkeit und Rollenbilder. Ich unterstütze Frauen dabei, Entscheidungen stimmig zu treffen, mentale Last zu reduzieren und ihren eigenen Weg selbstbestimmt zu gestalten.

Weiter
Weiter

Warum gute Ziele und Vorsätze oft scheitern – und wie Zielklärung Alltag, Energie und Zeit mitdenkt