Lernen & Weiterbilden zwischen Mental Load und Careverantwortung - warum Motivation allein nicht reicht
Der Jahreswechsel ist für viele Erwachsene ein Moment der Standortbestimmung. Gedanken an Weiterbildung, neue Lernziele oder ein Studium tauchen auf – oft begleitet vom Wunsch, beruflich oder persönlich dranzubleiben. Für viele ist Lernen dabei nicht immer nur freiwillige Kür, sondern Voraussetzung, um beruflich anschlussfähig zu bleiben, Anforderungen zu erfüllen oder mit den Veränderungen der Arbeitswelt Schritt zu halten.
Gleichzeitig werden Ziele aus dem Vorjahr mitgenommen: Vorhaben, die liegen geblieben sind, Erwartungen, die nicht erfüllt wurden, und nicht selten eine leise Unzufriedenheit darüber, nicht so weit gekommen zu sein, wie ursprünglich geplant.
Diese Unzufriedenheit ist für viele der eigentliche Ausgangspunkt neuer Lernvorhaben. Lernen beginnt damit selten unbelastet, sondern vor dem Hintergrund dessen, was vielleicht nicht gelungen ist. Der Wunsch nach Weiterentwicklung steht dann neben der Frage, warum es bisher nicht möglich war, dranzubleiben.
Lernen mit vollem Kopf ist dabei kein Ausnahmezustand, sondern für viele Erwachsene die Regel. Umso problematischer ist die verbreitete Annahme, Lernen sei vor allem eine Frage von Motivation und Disziplin. Wer wirklich wolle, so die implizite Logik, finde schon Zeit und Kraft. Die Realität vieler erwachsener Lernender spricht eine andere Sprache.
Motivation ist nicht das Problem. Strukturen sind es.
Wenn Erwachsene heute über Weiterbildung, ein Studium oder neue Lernziele nachdenken, beginnt dieser Gedanke selten im luftleeren Raum. Er entsteht zwischen beruflichen Anforderungen, Careverantwortung, Mental Load und dem Versuch, den eigenen Alltag irgendwie zusammenzuhalten. Trotzdem wird Lernen noch immer so behandelt, als sei es vor allem eine Frage von Motivation, Selbstdisziplin und gutem Zeitmanagement.
Das ist bequem. Und verkürzt.
Denn die meisten Erwachsenen, die lernen wollen, sind motiviert. Besonders Frauen bringen ein hohes Maß an intrinsischer Lernmotivation mit. Was ihnen fehlt, sind nicht Wille oder Ehrgeiz – sondern Zeit, Ruhe, planbare Räume und Rahmenbedingungen, die Lernen mit ihrem Leben vereinbar machen.
Lernen unter Mehrfachbelastung ist kein individuelles Versagen
Viele Frauen lernen in einer permanenten Mehrfachbelastung: Beruf, Kinder, emotionale Verantwortung, Organisationsarbeit, oft zusätzlich Pflege von Angehörigen. Sie gehören zur sogenannten Sandwich Generation – verantwortlich nach zwei Seiten und selten entlastet.
Lernen findet hier nicht „nebenbei“ statt, sondern oben drauf. Es konkurriert nicht nur mit Zeit, sondern mit Aufmerksamkeit, emotionaler Energie und mentaler Kapazität. Wer unter diesen Bedingungen Lernabbrüche oder Pausen erlebt, scheitert nicht persönlich – sondern an Rahmenbedingungen, die Vereinbarkeit nicht konsequent mitdenken.
Dass diese Realität häufig ausgeblendet wird, liegt weniger an bösem Willen als an Lern- und Arbeitslogiken, die unter anderen Lebensbedingungen entstanden sind – mit klaren Zeitfenstern, geringerer Careverantwortung und stabileren Verfügbarkeiten.
Der Mythos der Disziplin
Noch immer gilt: Wer wirklich will, findet einen Weg. Wer nicht dranbleibt, hat sich nicht genug bemüht. Diese Logik ist überholt – und sie greift zu kurz.
Disziplin ersetzt keine Kinderbetreuung.
Disziplin reduziert keinen Mental Load.
Disziplin schafft keine verlässlichen Zeitfenster.
Gerade Frauen erleben hier eine doppelte Belastung: Sie tragen strukturell mehr Verantwortung und bekommen gleichzeitig das Gefühl vermittelt, ihr Scheitern sei selbst verschuldet. Lernen wird moralisch aufgeladen – statt realistisch organisiert.
Erwachsene lernen anders. Punkt.
Erwachsene brauchen keine schulischen Lernlogiken in moderner Verpackung. Sie lernen erfahrungsbasiert, sinnorientiert und kontextabhängig. Sie müssen verstehen, warum etwas relevant ist – und wie es sich in ihr Leben integrieren lässt.
Dass viele Weiterbildungsangebote daran scheitern, liegt nicht an den Lernenden. Es liegt daran, dass Lernformate an Lebensrealitäten vorbeigeplant werden – insbesondere an denen von Menschen mit Careverantwortung.
Was Lernen unter realen Bedingungen wirklich braucht
Wenn wir Lernen im Erwachsenenalter ernst nehmen, müssen wir aufhören, Menschen zu optimieren – und anfangen, Bedingungen passender zu gestalten. Lernen gelingt eher, wenn:
Lernziele realistisch und lebensphasengerecht gesetzt werden
kleine, flexible Lerneinheiten große Perfektionsansprüche ersetzen
Unterbrechungen nicht als Rückschritt, sondern als Teil des Prozesses gelten
soziale Unterstützung selbstverständlich ist (z. B. Lerngruppen, Mentoring, Coaching)
Mental Load sichtbar gemacht und bewusst reduziert wird
Dranbleiben ist keine individuelle Held:innenleistung. Es ist das Ergebnis von Passung.
Lernen braucht Vereinbarkeit – nicht Durchhalteparolen
Lebenslanges Lernen wird politisch gefordert, gesellschaftlich erwartet und individuell eingefordert. Gleichzeitig werden die Bedingungen, unter denen Menschen tatsächlich lernen können, noch immer zu wenig mitgedacht. Besonders Frauen zahlen dafür einen hohen Preis – mit Erschöpfung, Selbstzweifeln und abgebrochenen Bildungswegen.
Wer Lernen ausschließlich als private Aufgabe betrachtet, reproduziert Ungleichheit.
Wer Vereinbarkeit ignoriert, schließt Menschen strukturell aus.
Für viele Frauen ist diese Erkenntnis bereits eine Entlastung: Nicht alles, was sich wie persönliches Scheitern anfühlt, ist eines. Manches ist ein Hinweis darauf, dass Lernbedingungen neu gedacht werden müssen – individueller, lebensphasengerechter und vereinbarer.
Wenn Lernen gelingen soll, müssen wir es mit dem Leben organisieren – nicht gegen es. Alles andere ist Selbstoptimierung auf Kosten derer, die ohnehin schon zu viel tragen.
Was heißt das konkret für dich?
Wenn du das Gefühl hast, dass Lernen für dich anstrengender ist als früher, dann liegt das sehr wahrscheinlich nicht an mangelnder Motivation. Oft sind es Lern- und Lebensrahmen, die starr, wenig flexibel oder kaum unterstützend gestaltet sind – obwohl sich Anforderungen und Verantwortung längst verändert haben.
Vielleicht bedeutet das für dich:
dass du lernen willst und gleichzeitig lernen musst, um beruflich dranzubleiben
dass dein Alltag heute mehr Koordination, Verantwortung und mentale Präsenz erfordert – während Lernlogiken häufig unverändert bleiben
dass Lernunterbrechungen kein Zeichen von Unfähigkeit sind, sondern eine realistische Reaktion auf Mehrfachbelastung
dass du nicht „mehr Disziplin“ brauchst, sondern flexiblere, unterstützendere Bedingungen
dass Lernen nachhaltiger wird, wenn es nicht allein getragen werden muss
Ein oft unterschätzter Faktor ist dabei soziale Unterstützung. Lernen gelingt leichter, wenn dein Umfeld weiß, was du gerade leistest – und was du brauchst. Das kann bedeuten:
mit Partner:in, Familie oder Kolleg:innen offen zu kommunizieren, wann Lernzeit wichtig ist
Unterstützung einzufordern, statt alles still mitzutragen
Erwartungen zu klären – und nicht automatisch davon auszugehen, dass andere deine Belastung „mitdenken“
Entlastend kann sein, Lernen nicht länger als persönlichen Härtetest zu begreifen, sondern als Prozess, der Unterstützung, Austausch und Rückhalt braucht – und bekommen darf.
Die zentrale Frage ist dann nicht:
„Was stimmt nicht mit mir?“
sondern:
„Was brauche ich – und wer kann mich dabei unterstützen, damit Lernen unter meinen Bedingungen möglich wird?“